7. März 2010

Anneliese S.

Wie in Svenjas Blog breits erwähnt, hier die Geschichte von Anneliese:

Man mag es sich kaum vorstellen, aber irgendwann passiert es wohl jedem schwulen Mann einmal sich in Frauenkleidern in der Öffentlichkeit zu zeigen. Manche machen das sehr erfolgreich, andere (mich eingeschlossen) eher nicht. So geschah es zur Feier des Jahres 2000, dass es auch mir blühte. Ich dachte mir, dass wir in dieser Nacht eh alle sterben müssten, da uns sämtliche AKWs und Raketen um die Ohren fliegn würden, also was soll es.
Ein Freund hatte die ideale Wohnung zur Gestaltung eines solchen Abends, eine Bühne im Schlafzimmer, ein perfektes DJ-Pult und in jedem Einbauschrank versteckten sich Lichteffekte und eine Diskokugel gab es obendrein. Dazu die zentrale Lage im bergischsten aller Metropölchen. Gesagt, geplant und so fand ich mich im Planungskomitee der "Feuervogel" Party wieder. Eigentlich hatte jemand den intelektuellen Anspruch Stravinskys Werk zu verwursten, da aber die halbe Truppe aus Illiteraten und/oder Ignoranten bestand wurde das ganze mehr zu einer Flugreise ins vermeintlich beginnende Jahrtausend. Der Feuervogel endet als Dekoelement unter der Decke. Sehr schön zwar, doch leider nicht phototechnisch dokumentiert.
Es wurde mit ca. 150 Gästen gerechnet, die sich auf ca. 70m² tummeln sollten (die hatten sogar Platz zum Tanzen). Ein Programm zur Unterhaltung war natürlich auch geplant und so vergingen ca. drei Monate lang jeder Freitagabend mit Proben, Kostüm- und Dekovorbereitungen und ganz viel Alkohol. Wir amüsierten uns prächtig, jedoch mit Näherrücken des Termins beschlich uns die Angst, dass es den Gästen ganz anders gehen könnte. Nach Weihnachten verbrachten wir dann jeden Tag miteinander und so mancher Beinahenervenzusammenbruch musste verhindert werden, dazu die allgegenwärtigen Zickigkeiten unter den Jungs, nagten schwer an der Motivation. Aber -  wir wurden rechtzeitig fertig und sogar ein Buffet wurde im Treppenhaus errichtet, ca. 2 Trillionen Liter Bier und Sekt wurden eingekauft und in letzer Sekunde wurde sogar noch der Fummel hier "zusammengezisselt". Ich denke besondere Beachtung verdienen die unrasierten Achseln in Kombination mit den haarigen Stampfern unter der alles anderen als blickdichten Strumpfhose. Dazu musste ich meine zarten Füsschen in Pumps in Grösse 39 zwingen (Ich trage sonst eher etwas in Richtung 43-44). Irgendeiner der anderen Jungs hatte meine nagelneuen passenden Pumps nach einer der Proben mitgehen lassen. Ich hoffe, er hat sich später den Hals damit gebrochen.
Es wurde viel Playback und Gesang zu Livemusik geboten und auch eine Tanzeinlage durfte ich bieten (zu Lys Assias Schwedenmädel und meiner ganz eigenen Interpretation). Natürlich musste auch ein Bühnenname her. Nachdem ich mich das erste mal mit Perücke und Fummel im Spiegel sah, war mir klar das ich nur Anneliese Schrippenkötter sein könne, eine früh verblühte Hausfrau aus Wanne-Eickel. Makeup wurde von vorneherein für uns alle abgelehnt, da wir a) keine Zeit für die Maske, b) keinen Platz und c) überhaupt kein Talent für das Auftragen desselben hatten, obwohl das dem Ganzen noch eine grössere komische Note verliehen hätte.

Um Mitternacht wurde die Strasse vor dem Haus mit Flutlicht erhellt, riesige Boxen wurden aufgestellt und alle mit Sekt versorgt. Das neue Jahr-/Tausend wurde dann mit Strauss'schen Walzerkklängen und Tanz begrüsst. Seit dem gilt mein besonderer Respekt allen Mädels, die sich im Winter mit Röcken und Strumpfhosen auf die Strasse wagen, denn es war im wahrsten Sinne des Wortes "arschkalt" da draussen. Aber dafür eine zwei Meter grosse Lackversion von Rotkäppchen auf Highheels um eine Kirche laufen zu sehen, während der Drag Queen der Sekt im Glas und machen Nachbarn das Lächelm im Gesicht gefror war es allemal wert.
Der Abend war rundherum ein Erfolg, aber leider so schnell vorbei. Als Gastegeber schwirrt der Abend nur so an einem vorbei, ständig schaut man ob alle Getränke haben, sich gut amüsieren, dazu kommt noch das Lampenfieber und ehe man sich versieht ist Mitternacht vorbei, und die Luft aus den Gastgebern ziemlich raus. Sollte ich nochmal so ein Event planen müssen, belege ich vorher an der Volkshochschule den Kurs "Gäste bewirten und trotzdem Zeit haben", versprochen!!!
(GsD sind Jahrtausendwechsel ja eher selten und zum nächsten bin ich definitv in Ferien)

In diesem Sinne noch einen schönen Restsonntag aus Basel von Michael aka Anneliese

8 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Bist du das auf den Bildern? Also mal im ernst, so von Mann zu Mann :-)

In diesem Aufzug kann man(n) aber auch keinen Start machen. Mit so behaarten Beinen. Also ich war noch nicht in Frauenkleidern auf der Straße. Musstest du hinteeher nicht zum Orthopäden. Wieso hast du keine Pumps in Größe 43 - 44 angezogen, gibt es doch bestimmt auch oder :-)

dicke, alte Frau hat gesagt…

Hey Michchele, herrlich, ich stelle mir einige doch eher konservative Banker vor. Die werden das Ganze im Nachhinein als Ursprung der Wirtschaftskrise erkennen. Schade, daß ich nicht in unmittelbarer Nähe war. Aber hier geht die Post ja auch immer ab. Dir einen schönen Start in die Woche wünscht die Christiane

Svenja-and-the-City hat gesagt…

Bei dieser Party wäre ich zu gerne dabeigewesen und ich versprech dir auch, dass ich ebenfalls in Frauenkleidern gekommen wäre :-)

Aber das nächste Mal, Baby, da mach ich dich fertig und style dich megamäßig sexy auf. Du bist groß, du bist schlank, du kannst auch als Frau gut aussehen.

Toller Beitrag.
Liebe Grüße, Svenja

dicke, alte Frau hat gesagt…

Ah, schau, nr. 3 hat sich eingefunden, du siehst, es wird.
l.g. Christiane

Basel-based Michael hat gesagt…

Vielen Dank für Eure Kommentare!

@Bruno Ich habe still vor mich hingelitten. Es waren einfach keine anderen mehr da, die mir gepasst hätten, es blieb nur die Grösse 39

@Svenja das mit dem schlank hat sich leider. Gib niemals das Rauchen auf, oder fang es noch besser niemals an. Auf meinem Programm für diese Jahr steht Spinning, damit ich mal wieder in meine Badehose kann ohne das Greenpeace versucht mich ins Meer zurückzuschleppen...
Ach ja, danke fürs "Adden"

Kennt jemand ein gutes deutsches Verb dafür. Adden klingt so holprig!

@Christiane Es war sogar ein Banker da, aber der spielte in unserem Team ;o)

Euch allen eine guten Start in die Woche!

Anonym hat gesagt…

Entschuldigung das ich mal Frage, was bitte ist den Adden??? Das habe ich noch nie gehört.

Anonym hat gesagt…

Danke ich habe jetzt ein deutsches Wort gefunden :o))

hinzufügen !!!!

Basel-based Michael hat gesagt…

Hinzufügen, wie banal! Da hätte ich auch drauf kommen können. Manchmal sieht man echt den Wald vor lauter Bäumen nicht...

Danke Bruno!